Wie die anderen Berliner Kreuz-Bahnhöfe dient der im Süden zwischen Tempelhof und Schöneberg gelegene vorrangig als Umstieg zwischen Ringbahn und Nah- wie Fernverkehr auf der Nord-Süd-Fernbahn. Eine gewisse Berühmtheit dürfte das Südkreuz unter Berlinern als Pilgerstätte wegen seiner Nähe zu Ikea Tempelhof, besonders samstags bemerkbar durch große Zahl der in der Umgebung ausgesetzten Einkaufswagen und die sperrigen braunen Möbelpakete und blauen Plastiktaschen schleppenden Horden, und wegen des auch sonn- und feiertags geöffneten und dann mit großem Gedränge verstopften Edeka-Supermarkts in der Westhalle genießen. Die Bahn stilisiert die Station seit derem Umbau und der Umbenennung von Papestraße in Südkreuz im Jahr 2006 als „Zukunftsbahnhof“, an dem neue Mobilitäts-, Informations- und Energiekonzepte ausprobiert werden.
Auf der westlichen Schöneberger Seite mit Edeka, soll nun außerdem neben der an S-Bahnhöfen üblichen Videoüberwachung zusätzlich mittels drei „intelligenter“ Überwachungskameras getestet werden, wie gut diese automatisch Gesichter aus der Menge der Reisenden erkennen und zuordnen können. Die mit den Kameras dreidimensional erfassten biometrischen Merkmale sollen automatisch mit einer hinterlegten Personendatei abgeglichen werden.

Darüber hinaus „sollen auch Softwareprogramme getestet werden, die Gefahrenszenarien sowie Objekte erkennen können und melden“, verkündet die Bundespolizei. Sie scheint sich davon u.a., mögliche Straftäter schneller ausmachen und Gefahrensituationen schon im Vorfeld erkennen und damit etwa Terroranschläge verhindern zu können zu versprechen. Neben zufälliger Ähnlichkeit zu bekannten Straftätern könnte also zukünftig für jeden Bahnhofs-Besucher auch jedes auffällige, von der Norm abweichende Verhalten automatisiert analysiert zum Problem werden.
Dass Videoüberwachung bisher höchstens dazu beigetragen hat, Straftaten (schneller) aufzuklären, gewaltbereite Menschen aber nicht von diesen abbringen konnte, zeigen jüngere Fälle in den U-Bahn-Stationen Hermann- oder Schönleinstraße. Für das Pilot-Projekt argumentiert Innenminister de Maizière wie üblich mit dem vermeintlich vermittelten erhöhten „Sicherheitsgefühl“ der Reisenden, das diese am neuen #Sicherheitsbahnhof gegen eine auf pauschaler Generalverdächtigung beruhender Überwachung eintauschen dürfen.

Mit der Ankündigung des Pilotprojekts und der Suche nach Freiwilligen für den halbjährigen Testlauf zogen Deutsche Bahn und Bundespolizei schon vor einigen Wochen Unmut und Spott auf sich. Sie hatten dafür versucht, freiwillige Testpersonen mit Einkaufsgutscheinen anzulocken. Statt aber damit etwa den lokalen Einzelhandel oder die direkt im Bahnhof ansässigen Ketten zu fördern, wurden Gutscheine der Datenkrake Amazon und Aussicht auf den Gewinn einer nicht minder für seine Datensammel- und -Weitergabewut bekannten AppleWatch feilgeboten.




Seit dem Start des Gesichterkennungsprojekts am 1. August gibt es nun am Bahnhof Südkreuz weiße und blaue Markierungen, die vorgeblich zwischen den Bereichen „herkömmlicher“ Videoüberwachung (weiß) und der neuen „intelligenten“ Gesichtserkennung (blau) unterscheiden sollen, die am ersten Tag einige Reisende offenkundig zu irritieren, die Mehrzahl der eiligen Passant_innen aber nicht groß weiter in der Gestaltung ihres Fußwegs zu beeinflussen schien.

Um möglichst viele Nutzenden des Bahnhofs für die Problematik der neuen automatisierten Überwachungstechnik zu sensibilisieren, hatten an dem Tag Vertreter des im Zuge der seit 2006/07 stattfindenden gleichnamigen Großdemonstrationen gegen Vorratsdatenspeicherung entstandenen „Aktion Freiheit statt Angst e.V.“, der Piraten, Grünen und Linken zur Protestdemonstration und Kundgebung auf der Südseite des Bahnhofs aufgerufen und eingeladen. Einzelne Sprecher_innen informierten dabei über die lückenhafte Rechtsgrundlage und das fehlende Datenschutzkonzept des Projektes, über Gefahren und Auswirkungen der Vorratsdatenspeicherung für eine freiheitliche Gesellschaft, Racial Profiling, Informationsfreiheit und das im Zuge der Proteste und Verfassungsklagen gegen die Volkszählungen in den Jahren 1983/87 errungene Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung.



In einem etwas größeren Rahmen sollen diese Themen am Samstag, den 9. September 2017, ab 12 Uhr am Gendarmenmarkt in Berlin in einer Demonstration gegen Überwachung unter dem Titel „Freiheit 4.0 – Rettet die Grundrechte“ weiter in die Öffentlichkeit getragen und gegen die aktuelle Politik protestiert werden. Zum Aufruf des Aktionsbündnisses „Freiheit statt Angst“.

Weiterführende Links:
https://www.tagesschau.de/inland/gesichtserkennung-107.html
https://netzpolitik.org/2017/weltkarte-der-videoueberwachung-waechst-rasant/
https://twitter.com/_suedkreuz
http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/gesichtserkennung-am-berliner-suedkreuz-ein-test-fuer-unsere-freiheit-a-1160867.html
https://digitalcourage.de/blog/2017/sicherheit-durch-ueberwachung-ein-gefaehrliches-versprechen
http://www.spiegel.de/international/world/public-must-fight-against-prism-and-tempora-surveillance-a-907495.html
http://www.zeit.de/2017/32/gesichtserkennung-ueberwachung-bundespolizei-berlin-test
https://detektor.fm/politik/wer-nicht-fragt-bleibt-dumm-gesichtserkennung-in-berlin-suedkreuz
http://radiocorax.de/testphase-videoueberwachung-am-berliner-suedkreuz-beginnt/
https://www.fiff.de/verfaelschte-studie-zur-tauglichkeit-grundrechtswidriger-techniken
https://netzpolitik.org/2016/innenminister-de-maiziere-fordert-vorratsdatenspeicherung-fuer-whatsapp-und-soziale-medien/
Bundestag: Rechtsgrundlage intelligente Videoüberwachung (PDF)

Da ich eine Weile in der Nähe gewohnt und weiterhin Leute dort besucht habe, ist das Südkreuz neben dem benachbarten S Schöneberg und der Hermannstraße vermutlich meine bis dato meistfrequentierte S-Bahn-Station (gewesen) und bin froh, dort in Zukunft nicht mehr so oft aus- oder umsteigen zu müssen.